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Berlioz: Pioneers and Champions

Hans von Bülow: letters concerning Berlioz

Original German text

    This page gives the original German text of letters of Hans von Bülow concerning Berlioz, which are reproduced elsewhere on this site in English translation and in French translation (both by Michel Austin); all the letters were written by Bülow himself, and are taken for the most part from the edition published after his death by his widow Marie von Bülow (Marie von Bülow ed., Hans von Bülow, Briefe und Schriften, 8 volumes, Leipzig 1895-1908, abbreviated below HvB), while a few come from a supplementary volume published later (Hans von Bülow, Neue Briefe, herausgegeben und eingeleitet von Richard Graf Du Moulin Eckhart, Munich 1927, abbreviated below to HvBn). The spelling of the original publications has been preserved (it differs in a number of respects from current practice), and some typographical errors have been corrected. See also the page giving the original German text of two articles of 1852 by Hans von Bülow on Benvenuto Cellini, available also in English and French translations by Michel Austin.

1852

To his father, 21 January, from Weimar (HvB I, pp. 407-18, at p. 412):

[…] Um 16 Febr. wird die vor langer Zeit in Paris halb durchgefallene Oper von Berlioz: “Benvenuto Cellini” hier in Scene gehen; der Componist wahrscheinlich dazu herkommen. Ich freue mich auf seine Bekanntschaft. Obgleich ich der antiwagnerianischen, pseudonachbeethovenschen Richtung, welche Berlioz vertritt, durchaus nicht fröhne, so interessirt mich doch sein in so vielen Gebieten der Kunst bewanderter, hervorstechend genialer Geist, dem die neuere Entwickelung der Musik betreffs der reichen technischen Errungenschaften, namentlich in Bezug auf die Instrumentirung, so viel zu verdanken hat. Berlioz hat in vielem Neuen die Initiative ergriffen und auch die richtige Anwendung praktisch gezeigt — er ist freilich durch und durch Franzose — und sein Glanz beruht eben auf Äußerlichkeiten. Daß Liszt seine Oper aufführt, geschieht erstlich aus persönlicher Freundschaft, dann aus der, wenn auch nicht unbedingt, doch relativ sehr verdienstlichen Absicht, dem in Deutschland fast noch mehr als in seinem Vaterlande Verkannten eine demonstrative Ehrenerklärung dadurch zu geben; ein anderer Beweggrund ist noch der: Sänger und Orchester (namentlich die erste in ihrer Trägheit und unwissenden Arroganz einzige Nation) durch den Zwang, schwierige und ungewöhnliche Aufgaben zu lösen zu müssen, zu einer höheren Stufe hinaufzubringen. […]

To his sister, 8 March, from Weimar (HvB I, pp. 428-31, at p. 431):

[…] Gestern war ich in der Probe von der Oper Berlioz’, der leider nicht mehr herkommen kann (anfänglich sollte Benvenuto den 16ten Februar gegeben werden); das war ein prächtige Tasse Mokka; meine Ohren haben sich seit lange nicht so vortrefflich amüsirt. […]

To Theodor Uhlig, 22 April, from Weimar (HvB I, pp. 434-6. at p. 434):

[…] Die Benvenuto Cellini-Artikel haben mir viel Zeit geraubt; doch hatte ich Liszt (der Sie freundlichst grüßen läßt) versprochen, sie zu schreiben, natürlich das daß, nicht das wie. Die Oper, d. h. die Musik Berlioz’ hat mir doch einen ganz bedeutenden, ungewöhnlichen Eindruck gemacht. Ich habe Berlioz viel milder beurtheilt, d. h. ihm viel mehr Verdienstliches zuerkannt, als Wagner eigentlich thut; glauben Sie, daß W[agner] darüber ungehalten ist? Ich habe ihm lange nicht geschrieben, will es nun aber nächstens endlich thun. […]

To his mother, 23 May, from Weimar (HvB I, pp. 436-41, at pp. 436-7):

[…] Eine Menge Arbeiten succedirten sich dicht auf einander; eine Woche z. B. habe ich im strengsten Sinne lediglich mit Kopie einer Liszt’schen Partitur für Klavier und Orchester zugebracht; L[iszt] hatte mich sehr darum gebeten und er ist so gut gegen mich, daß ich mit Hintansetzung alles übrigen ähnliche Bitten stets allsogleich erfülle. Eine zweite Arbeit, interessanter als die erste, aber zeitraubender, weil mehr Nachdenken erfordernd, folgte der ersten. Die Oper von Berlioz [Benvenuto Cellini] sollte in dieser Saison noch einmal gegeben werden, und da meine Ansicht mit der Liszt’s über das Unnütze des letzten Aktes, der die Zuhörer ermüdet und erschlafft, zusammentraf, so proponirte er mir die Arbeit der angemessenen Striche, so wie der wenigen dadurch erheischten Veränderungen in der Musik und im Texte; ich entledigte mich der Aufgabe zu Liszt’s Zufriendenheit, obgleich ich bei dieser Gelegenheit mein erstes Debüt mit gereimten Ungereimtheiten gemacht habe. […]

[1853]

1854

To his sister, 17 March, from Hanover (HvB II, pp. 193-5, at p. 194):

[…] Heute übe ich Klavier, ein noch nicht von mir gespieltes Stück aus Berlioz’s Cellini von Liszt, das in Braunschweig gestochen wird, und von dem ich mir gestern bei Litolff den ersten Abzug mitgenommen habe. […]

To Richard Pohl, 9 September, from Dresden (HvB II, pp. 221-5, at p. 223):

[…] Von Hector Berlioz habe ich unterdessen auch zwei Briefe erhalten — der eine sehr schmeichelhaft bezüglich meines Arrangements, das gedruckt wird, sobald sich Brandus wieder ein wenig restaurirt hat. Ich theile Dir das über ihn persönlich Interessante mit. — — […]

To Richard Pohl, 11 October, from Chocieszewice (HvB II, pp. 256-9, at p. 259):

[…] Schön, daß du die « Soirées d’orchestre » [Berlioz] noch übersetzen willst. Die Wiederdurchlesung dieses für eine Menge künstlerischer Dogmen evangeliumswerthvollen Buches hat mir hier ein paar Stunden angenehm gekürzt, wenn ich von Czerny’schen Etüden — — — — — — abgerackert, meine vier Wände genügend angeflucht hatte. […]

To his sister, 19 November, from Chocieszewice (HvB II, pp. 284-7, at pp. 285, 287):

[…] Das « Journal des Débats », was mich weit mehr als die Musikzeitung interessirt, habe ich leider nicht erhalten. Da Du so liebenswürdig bist, mir solche Kreuzbandsendungen öfterer zuzuwenden, so bitte ich Dich, mir jeden Artikel von Berlioz alsobald zu schicken. […]
Wann findet die Aufführung der Berlioz’schen « Trilogie Sacrée » statt? Wie heißt das Concert, worin sie gehört werden soll? […]
[…] Madame Berlioz wird auch ihre gute Seite haben.
[…] Sage Berlioz « viel Schönes », frage ihn, ob ich die Ouvertüre zum « Römischen Karneval » noch einmal (sie ist von Pixis unpraktisch arrangirt) vierhändig bearbeiten solle — und für die Ouvertüre zum « Corsaren » möchte er so gut sein, sich meiner zu bedienen, dem eine solche Arbeit, namentlich hier, Zerstreuung gewähren würde.
Frage ihn doch, wie viel mich meine ersten Concerte in Paris wohl kosten würden, wo ich zuerst spielen müßte u.s.w. und specificire mir das ebenso genau wieder, als Du Dir es von ihm mittheilen lassen mögest. Hierdurch leistest Du mir einen großen Dienst! […]

To his sister, 31 December, from Chocieszewice (HvB II, pp. 322-6, at p. 325):

[…] Berlioz möge mir doch ein Exemplar der Partitur von der Corsaire-Ouvertüre baldigst senden. […]

1855

To his sister, 16 May, from Berlin (HvB II, pp. 366-9, at p. 369):

[…] Die Partitur zur Corsar-Ouvertüre von Berlioz möchte ich gerne haben. Seine Photographie ist ganz süperb. Frage doch, falls Du ihn zufällig siehst, ob das Arrangement der Cellini-Ouvertüre herauskommt? […]

1856

To Julius Stern, 16 August, from Baden-Baden (HvB III, pp. 50-2, at p. 51):

[…] — Ich sende Ihnen das Programm des großen Concertes von gestern mit, dessen Arrangement nicht Berlioz sondern lediglich Sr. Majestät Benazet II. zuzuschieben ist. Die Soirée war übrigens höchst interessant, und Frau Viardot hat micht belehrt, daß ich noch für Virtuosenthum schwärmen kann. Welch’ geniale, herrliche, einzige Person! — — Der Theaterchor von Karlsruhe ist der beste, den ich je gehört. Ich war ganz überrascht über die Reinheit, Sicherheit und Vollendung der Ausführung. Berlioz hat mit dem mittelmäßigen Orchester wahre Wunder gewirkt. Die ganze Opéra comique von Paris ist seit vierzehn Tagen hier und drischt eine abscheuliche Operette von Clapisson « Le Sylphe » ab, die hier zum ersten Male gegeben wird. Das sind die einzigen Aufregungen, denen man zum Opfer fällt, und die etwaigen Neuigkeiten, die ich Ihnen mittheilen könnte. […]

To Richard Pohl, 7 September, from Berlin (HvB III, pp. 52-55, at p. 55):

[…] Grüßen an Berlioz, wenn Du schreibst. Mein Arrangement der Corsar-Ouvertüre ist gestern abgesendet worden. —

[1857]

1858

To an unnamed correspondent, 31 March, from Berlin (HvB III, pp. 166-73, at pp. 168-9):

[…] Die Namen derjenigen Künstler, denen ich in musikalischer Beziehung zu tiefster Dankbarkeit verpflichtet bin, sind zahlreich. Vor allem mein gegenwärtiger Schwiegervater (am 18. Aug. 57 verheirathete ich mich mit seiner jüngsten Tochter, Cosima Liszt, geb. zu Como 37 — nachdem ich mich als Preuße hatte naturalisiren lassen) Liszt in jeder Beziehung, auf jedem Gebiete der Kunst. Zunächst dann Richard Wagner, mit dem mich ein bereits 48 in Dresden angeknüpftes Freundschaftsverhältniß auf’s Innigste verbindet. Sodann Berlioz in Paris, dessen Besuch in Dresden 54 ebenso wie die Opern Wagner’s daselbst, überhaupt dessen meisterhafte Leitung der dramatischen und instrumentalen Musik und wie endlich die Concerte Liszt’s, den ich bereits in dem genannten Jahre durch Lipinski kennen lernte, den entscheidendsten und nachhaltigsten Einfluß auf mein musikalisches Wesen geübt haben. Diese drei Männer haben mich als Musiker eigentlich geschaffen — durch sie lernte ich auch erst die Schätze der Vergangenheit kennen und lieben. […]

To Alexander Ritter, 7 May, from Berlin (HvB III, pp. 174-6, at p. 175):

[…] — « Hallelujah »! Wer für Berlioz unempfindlich, der hat sich zum Apfelwein auf Lebenszeit selbst verdammt. […]

To Felix Draeseke, 27 June, from Berlin (HvB III, pp. 178-81, at p. 181):

[…] Cornelius’ komische Oper wird Ihnen Freude machen. Eine kleines Meisterwerk aus Berlioz’ Schule, aber selbständig und deutsch, so weit das ohne Unsinn sein kann. […]

To Richard Pohl, 24 July, from Zürich (HvB III, pp. 183-90, at pp. 188-9):

[…] Nach einem Brief aus Paris von meiner Schwägerin hat diese Herrn d’Ortigue ganz gehörig vorgenommen und ihn über die Schmählichkeit seines neuen Ausfalls, über diesen garstigen Flecken, den er auf seine his dahin rühmliche kritische Thätigkeit geschmußt, über alle Maaßen betreten gemacht, daß er ganz reuig geworden und versprochen, das Geschehene bei Gelegenheit zu repariren. Er habe nur auf das tolle Drängen Berlioz’ sich dazu entschlossen. Über die direkte Veranlassung hat mir Gräfin d’Agoult Folgendes mitgetheilt: der Feuilletonist der « Presse » hatte Litolff und Berlioz nach dem bekannten Conservatoire-Concerte bedeutend heruntergemacht und zur besonderen Bezeichnung der Litolff’schen Musik, wie der ganzen Richtung, das Wort « Berliozianer » in seinem Manuscripte gebraucht. Der Redacteur der Presse, der mit Berlioz befreundet, hat dem Kritiker diesen Ausdruck gestrichen und dafür einen anderen verlangt, der sich in dem beliebten « école de l’avenir » vortrefflich zu präsentiren schien. D’Ortigue’s Kritik in den « Débats » ist nur eine Antwort auf die Presse gewesen (übrigens keine sofortige), da Berlioz eben keine Ruhe gelassen hat. Voilà. […]

To Richard Pohl, 9 August, from Zürich (HvB III, pp. 190-2, at p. 190):

[…] Es ist nicht möglich, dem Berlioz’schen Concert beizuwohnen. Auch bin ich noch viel zu frisch empört von d’Ortigue’s und Berlioz’ Vernehmen, als daß ich im Stande wäre, in letzterem nur den Componisten, nicht auch den Journalisten zu erblicken. Außerdem wäre es auch höchst ennuyös, den weißen Elephanten [Mme von Kalergis] besuchen zu müssen, und so vieles andere sehen zu müssen. […]

To Julius Stern, 9 August, from Zürich (HvB III, pp. 193-4, at p. 194):

[…] Eine andere nahe liegende Verführung, Ihnen länger untreu zu bleiben, um das Berlioz’schen Concert in Baden am 27. August zu genießen, hat diesmal wenig Reiz für mich, da meine Stimmung mich wenig empfänglich für « Kunstgenüsse » sein läßt. […]

1859

To Richard Wagner, 1 January, from Berlin (HvBn no. 278, pp. 416-20, at p. 417):

[…] Darf ich Dir von meinem Konzerte schwatzen?
Die Ideale von Liszt eröffnen. — Dann kommt Violoncello-konzert von Coßmann, dann Celliniarie von Frau v. Milde, dann G dur Konzert von Beethoven (das schönste der Klavierkonzerte — Op. 58), zu dem ich mir ein paar famose Cadenzen komponiert habe. Der zweite Teil fängt mit dem Lohengrinvorspiel an, damit Taubert daraus lerne, wie er’s am 18. Januar am Tage der ersten Aufführung dirigieren habe. Hierauf soll die Milde das Gebet der Elisabeth (nb. vollständig) singen. Ich habe als Einleitung den Pilgerchor (12 Takte) für Fag. Clar. u. Hörner dazu ungefähr so gesetzt, wie am Ende der Introduction von der Ouverture. Vom Nachspiel mache ich nicht mehr als gerade nötig. — Endlich spielt Coßmann noch ein Solo, die Milde singt zwei Lieder von Liszt und die Vehmrichter- oder Corsarouvertüre von Berlioz schließt. Ich bin in einem Wechsel von Aufregung u. Abspannung, der natürlich nicht vor dem 14. Januar oder vielmehr erst nach dem 18. Januar aufhören kann. […]

To his mother, 7 April, from Paris (HvB III, pp. 227-32, at p. 230):

[…] Berlioz habe ich leider wenig gesehen; er ist leidend und hat viel mit den Vorbereitungen zu einem Concert zu thun, das am 23. stattfinden soll (L’enfance du Christ und verschiedene Fragmente). […]

To Richard Pohl, early July, from Berlin (HvB III, pp. 239-43, at pp. 240-1):

[…] Ich habe in diesen Wochen Berlioz’ Requiem, das er mir letzthin in der Mailander Ausgabe verehrt hat, vorgenommen. Es ist ein prachtvolles Werk, enorm tief und doch auch klar. Ich glaube, man thäte wohl daran, für die Popularisirung zu wirken. Nun hätte ich gegenwärtig Lust und Zeit, mich mit einem zweiclavierigen (à 4. oder à 8) Arrangement einzelner Sätze zu befassen, als da sind wenigstens die Nummern 1. Requiem und Kyrie, 6. Lacrymosa und 9. Sanctus. Würde Klemm disponirt sein, die Geschichte zu ediren, und wie würde er sie honoriren? Willst Du’s vielleicht in Vergessenheit behalten, gelegentlich, wenn Du Klemm siehst, mit ihm ja nich darüber zu sprechen und namentlich, falls Du es thust, eine recht unbestimmte Antwort aus ihm herauszulocken, damit ich etwa recht auf’s Gerathewohl für den Erweichten, d.h. gratis die Arbeit beginnen kann?
Ernst bei Seite — das Lacrymosa könnte recht spaßhaft sich bearbeiten lassen. Gott, wenn ich das Werk einmal hier aufführen könnte, nur die einzelnen Sätze! Etwa noch zwanzig Jahre damit warten, vielleicht noch länger! « Merda! »
Wenn ich die Kosten bestreiten kann, so gebe ich natürlich den Winter wiederum einige Orchesterconcerte. Im vierten soll der Harold [von Berlioz] mit David aufgeführt werden — vielleicht unterstützt mich Deine Frau Gemahlin? […]

To Hans von Bronsart, ca. 20 August, from Berlin (HvB III, pp. 253-5, at p. 254):

[…] Den Tag aber schwitze ich am Clavierauszug des zweiten Aktes von Wagner’s Tristan. Höchst merkwürdige Musik — grandios, aber anticlavierig wir irgend etwas von Berlioz. […]

To Hans von Bronsart, 9 November, from Berlin (HvB III, pp. 278-81, at p. 280):

[…] Daß Berlioz so sehr leidend sein soll, hast Du wohl auch gehört. Est ist ein Jammer; ich glaube er ist — fertig. […]

1860

To Hans von Bronsart, 5 February, from Cologne (HvB III, pp. 293-7, at p. 297):

[…] Berlioz benimmt sich — nicht gut. Der Arme ist aber so zerfallen, daß nur Mitleid Stelle haben darf. Er sieht körperlich ganz zerüttet aus und leidet furchtbar. […]

To Hans von Bronsart, 26 February, from Paris (HvB III, pp. 299-301, at pp. 300-1):

[…] Wagner ist ein nobler Kerl, das glaube mir; er wird sich dankbarer gegen Liszt beweisen als — — Berlioz, dem man übrigens als Menschen herzliches Mitleid zollen darf und muß, denn er leidet unsäglich in jeder Beziehung. Sein Geschick hat eine furchtbare Tragik!
Hast Du Wagner’s Antwort auf Berlioz’s Artikel gelesen? Wahrscheinlich nicht — ich expedire Dir daher ein Journal des Débats und bitte Dich, etwa eine Übersetzung in der Danziger Zeitung durch Markull zu veranlassen. Du wirst gleich sehen, worum es sich handelt, und daß das für Deutschland aller Orten wichtig ist. […] Mme Pleyel concertirt am 5. März; ich besuche sie zuweilen, war neulich mit ihr im Orphée, eine wunderbar schöne und vornehme Leistung der Viardot. Die ganze Aufführung war übrigens trefflich, ebenso die « mise en scène » — das ist Berlioz’ Verdienst. […]

To Joachim Raff, 29 February, from Paris (HvB III, pp. 302-3, at p. 302):

An meinem guten Willen liegt es wahrhaftig nicht, wenn ich in dem Versuch, Deinen Auftrag bei Wagner und Berlioz auszuführen, gescheitert ist. Übrigens darfst Du’s keinem von Beiden übel nehmen. […] Berlioz versicherte, nichts im Pulte vorräthig zu haben, was dem Albumzwecke dienen könnte; etwas ihm selber geringfügig Scheinendes zu geben, davon halte ihn der Respect vor Schiller ab, componiren könne er nichts, da er mit der Revision seiner Trojaner beschäftigt sei, welche im neuen Théâtre lyrique nächsten Jahres als Eröffnungsoper gegeben werden sollen. (Das Haus ist noch nicht gebaut, soll aber nächstens begonnen und in sechs Monaten vollführt werden.) — — […]

1861

To Richard Wagner, 1 May, from Berlin (HvBn no. 288, pp. 451-4, at pp. 453-4):

[…] Baudelaire habe ich mir kommen lassen; er hat mich recht erquickt. Beckmann schrieb mir neulich auch von einem Janinschen Feuilleton; das habe ich jedoch noch nicht erlangen können. Wenn du B. [Berlioz?] siehst, so wärest Du sehr freundlich, ihn von mir zu fragen, ob er meine Antwort nicht erhalten. Er hatte mich um etwas ersucht, worin ich ihm meine Dienstbarkeit sofort angezeigt und ich harre nur seiner weiteren Schritte. Nimm heute mit diesen Lebenszeichen vorlieb und erwidere es, wenn es Dich keine Überwindung kostet. […]

To Richard Pohl, 2 October, from Berlin (HvB III, pp. 434-9, at pp. 435-7):

[…] Nur Eins bitte ich Dich nicht zu vergessen — ich habe es leider lang übersehen und schwer dafür gebüßt. Deine freundschaftliche Gesinnung ruft meine völligste Offenheit hervor.
In einem Athem für Gott, Sohn und Heiligen Geist Propaganda machen, geht nicht. Kein Mensch hat es bisher fertig gebracht, für mehr als einen großen Mann auf einmal zu wirken. Unser Geist, unser Herz is weit umfassend — das ist schön — darauf dürfen wir stolz sein; aber schielen wir nicht; das trübt den Blick und ängstigt das Publikum. Unsere thätige Begeisterung kann sich nicht für die Trinität auf einmal geltend machen. Diese Eine in der Trinität zu erfassen, gehört der Nachwelt. Wir haben die Pflichten der Mitwelt zu erfüllen und hierbei sogar zuförderst die triviale Schranke der Nationalität zu ziehen. Wagner und Liszt stehen uns in diesem Augenblicke weit näher. Ich werde Berlioz’sche Stücke in meinen Concerten aufführen, Bronsart auch. — Das ist ganz genügend. Mißverstehe mich nicht, wenn ich Persönliches hineinziehe; ich gebe demselben nicht mehr Bedeutung, als objectiv billig ist. Ignoriren wir aber nicht, daß Berlioz als der undankbarste, egoistischste von den zwei (der dritte ist als Mensch mit ihnen nicht in Vergleichung zu bringen) sich benommen hat. Ich kenne nichts Herzloseres (und dem Anderen war es seinerzeit ein Stich in’s Herz) als das drei wöchentliche Schweigen, welches als einzige Antwort auf das Geschenk einer Partitur erfolgte, auf deren Titelblatt zu lesen ist:

« À Roméo et Juliette
    leurs reconnaissants
        Tristan et Iseult. »

Verschiedener anderer Dinge, die kaum zu entschuldigen sind bei einer nicht ganz ignoblen Natur, die ich hier übergebe, um nicht in ein undurchführbares Klatschen zu geraten, hätte sich der Deutsche nie schuldig machen können!
Doch genug. Eigentlich wollte ich Dir nur sagen, daß mit « Erz » über Berlioz jetzt nicht ein Einverständniß zu erlangen ist. Er ist mit einer gewissen Berechtigung, die die Erlebnisse in Paris ihm ertheilt haben, einseitiger W—ianer. Ferner ist er ziemlich eitel, auch pedantisch — aber wenn man nur die Fehler der Menschen im Auge haben sollte, so müßte man jeden wie einen tollen Hund gleich niederschießen. Bei den guten Seiten anpacken, und diese in idealer Absicht entwickeln helfen, voilà! Setze Dich mit ihm in Correspondenz — nicht bei den Haaren herbeiziehen — doch das brauche ich Dir nicht zu sagen — und verständige Dich allmälig mit ihm, bevor er nach Leipzig übersiedelt. Neutralisire in Deinem, wie im allgemeinen Interesse den Einfluß, den jener Mann, der zu eigenen sich noch einen fremden Zopf wünscht, auf ihn erlangen könnte. —
Und nun auf das Generale zurückzukommen: fassen wir den wichtigen Moment in’s Auge, wo für L[iszt], wo für W[agner] in unserem « engeren » Vaterlande einzutreten ist.
Auf eine gewisse Antipathie darfst Du gewissermaßen auch mit objectiver Genugthuung blicken. Der Band der « Anregungen » von 1856 ist eben so wenig, wie eine gewisse freche « Frage » (ein paar Jahre früher erschienen) ohne Einfluß geblieben, [so] daß die Früchte davon in den meisten Partituren offen am Tage liegen. —
Wie hat sich Berlioz gegen mich in Paris benommen! Mein Selbstgefühl hat er allerdings nicht verletzt, aber seine Unterlassungen jeder Art war ich fern zu erwarten! Hole der Teufel übrigens diese Gesichtspunkte! Kahnt ist nothwendig, da hast Du recht. Setze ihn also als Vierzehnten auf die Liste für mich, Liszt, Wagner und bei Weißmann, Ambros — werde es verantworten, oder streiche einen Müller weg. Wie Du willst. Ich trete in den meisten Fällen ganz gern Dir meine Zweistimmigkeit resp. Vierstimmigkeit ab. […]

To Hans von Bronsart, 10 October, from Berlin (HvB III, pp. 439-40, at p. 440):

[…] [P.S.] Frage doch bei Riedel an, ob er noch Lust hat zu Berlioz’ Requiem. Dann steht ihm meine Partitur, die ich sonst nicht gern entbehre, zu Diensten. Er bat mich in Weimar darum. Er muß aber Ernst machen. Nach den Messen Bach’s, Beethoven’s, Liszt’s — is das das Höchste in der Kirchenmusik. Ein gutes Mittelwerk ist Vierling’s Psalm (Wässer von Babylon). Partitur bei Leuckart (Breslau).

To Richard Pohl, 3 December, from Berlin (HvB III, pp. 498-502, at pp. 499-501):

[…] Dein Vorschlag der Nichtübersetzung is vielleicht doch der beste, « À travers chants » u.s.w.
Furchtbar — den Genius albern und gemein werden zu sehen! Entwürdigend für Dich, diese Übersetzungsarbeiten zu übernehmen. An Deiner Stelle — nicht Wagner’s, Deiner selbst wegen — lehnte ich ab und sagte dem « Könige » die Wahrheit. Jedenfalls sage ihm, daß ich, sowie die Übersetzung herausgekommen — daß ich wie eine hungerige Hyäne darüber herfallen, den Verfasser zerfleischen werde, wie ich noch Niemand zerfleischt!
Der Respect vor dem Künstler soll nicht verleugnet werden, aber den Menschen will ich mißhandeln, daß…. nun Ihr sollt was erleben! Ich habe lange nicht gebissen, aber meine Zähen sind nicht stumpf geworden.
Nun, glaube nicht, ich wolle Dich terrorisiren!
Nach meiner Meinung kannst Du Deine Zeit kaum schlechter verwenden! Ich thäte es nicht, ich gäbe lieber für 5 Sgr. Clavierrunterricht.
Welche unselige Verblendung! Im Grunde ist der Mann doch vor allem bejammernswerth! Seine Zähigkeit, betreffs des elenden Straßenwortspiels, ist charakteristisch genug! Und diese Bornirtheit, zu verlangen, daß die deutsche Sprache [für] diesen Gassenhauer des « esprit » ein bedeckendes Äquivalent ausfindig mache!
« Sang und Schrei. »
« Durch Gesumm und Gebrumm. »
« Apollinisches und Marsyantisches. »
« Durch sieben Octaven. »
« Tages- und Nachtklänge. »
« Der Componist als Recensent. »
« Kritische Revanchen. »
« Wonnen und Schmerzen eines Componistenohrs! »
« Durch Sangesgefilde. »
Hol’ mich der Henker! Es fällt mich nichts ein, aber vielleicht bin ich (à la Falstaff), mit diesen Vorschlägen Grund, daß Dir etwas einfällt. Sollte mein guter Wille in seiner Blindheit eine Perle finden — ich telegraphire Dir’s auf — Kosten! Ich muß jeden Augenblick gewärtig sein, daß ein Schüler auf dem Gange mein Schreiben unterbricht.
Schnell noch Wesentliches. […]

[1862]

1863

To Richard Pohl, 7 February, from Berlin (HvB III, pp. 511-13, at p. 511):

[…] Dingelstedt schrieb mir von Deiner Übersetzung [von Béatrice et Bénédict]. Freut mich, daß Du sie macht — grüble nicht zu viel, laß Trivialitäten mitlaufen. Den Dialog wirst Du ebenso soigniren, wie man’s von Dir erwartet. Im Übrigen laß die Musik sorgen. […]

1864

To Adolf Jensen, 31 January, from Berlin (HvB III, pp. 574-6, at p. 575):

[…] Ich wünschte nichts sehnlicher — aber die alten Meister unter den Neuen gehen mir vor. Von Berlioz haben wir dieses Jahr noch keine Note bringen können, von Wagner ebenfalls nicht. Die Verhältnisse sind gar zu ungünstig — der Kampf gegen die Presse macht zu viel zu schaffen — so wenig Unbefangenheit im Publikum, so unzählige Hindernisse in jedem Detail! […]

[1865]

1866

To Joachim Raff, 6 December, from Basel (HvB IV, pp. 159-62, at p. 161):

[…] Am 16. Abends kommt hier Romeo und Julia von Berlioz fast vollständig zur Aufführung. […]

To Alexander Ritter, 22 December, from Basel (HvB IV, pp. 162-4, at p. 163):

[…] Gott sei Dank — hier haben wir zwar drei Zeitungen (alle von anständigerem Äußern als die Münchner), aber keine Feuilletonisten. Recensionen — is nich. [sic] Somit ist das Publikum weniger corrupt oder corrumpirungsfähig, und wenn es bei Berlioz (siehe Beilage) sich indifferent verhält, so ist man doch noch nicht bis zum « Chic » des Zischens civilisirt. […]

1867

To Carl Bechstein, 9 July, from Munich (HvBn no. 149, pp. 221-3, at p. 222):

[…] Gestern ist mir eine neue Ehre widerfahren. Der bayr. Consul in Paris hat an den hiesigen Kriegsminister geschrieben und mich als bayr. Commissär für die Jury bei der Preisverteilung am 21. d. ausgebeten. (Konkurrenz der östr. preuß. belg. franz. span. und bayrischen Militärmusik.) Ich gehe am 19. fort, bin am 23. zurück. Am 24. Generalprobe, 25. erste Vorstellung von Tannhäuser. Am 28. zweite, am 31. dritte Lohengrinvorstellung. Erster August: Abreise zur Kur in die Schweiz. (St. Moritz.) Nun habe ich zwei Bitten an Sie, lieber Freund. Pro primo haben Sie vielleicht die Güte in Berliner Zeitungen die Nachricht von meiner Mission zu setzen. So was wäre mir in Berlin nie begegnet. Kriegs- und Handelsminister schicken mich als Autorität nach Paris! Wieprecht soll sich vorsehen — “unsere” bayr. Militärmusik macht ihre Sache famos und verhält sich zur preuß., wie das Münchner Hoftheater zur Berliner. Nun will ich nicht renommieren — fragen Sie nur unsern Betz, wenn er zurückkommt, wie’s hier anschaut, wenn ich arbeite.
Nun noch eine zweite Bitte: ich besuche in Paris weder Verwandte noch Bekannte — dazu gibt’s keine Zeit. Wo haben Sie in Paris gewohnt? Die Militärmusiziererei finden im Industriepalaste statt, wo die Jury Sitzungen hält, is mir unbekannt. Gibt’s ein gutes Hotel in der Nähe des Palastes? […]

To Carl Bechstein, 31 July, from Munich (HvBn no. 150, pp. 223-5, at p. 223):

Paris war himmlisch! Ich habe Heimweh darnach — dort möchte ich hausen. Die Ausstellung is denn doch etwas Ruhmreicheres als der “deutsche” Feldzug von vorigem Jahre. Aber leider fast gar nichts gesehen gekonnt! Die Menschen waren zu interessant: Berlioz, Rossini, Rubinstein, Lassen u.s.w. Auch die Amerikaner haben mich viel in Anspruch genommen — Remack und Steinway — und — ich habe mich darüber nicht zu beklagen, denn sie waren sehr nett. Von Ihren Flügeln nur die höchst interessante Hülle gesehen! […]

[1868]

1869

To Lorenz von Düfflipp, 27 April, from Munich (HvB IV, pp. 288-9):

Hiermit habe ich die Ehre, Ihnen für S. M. den König den Text der Legende von Berlioz’ « Faust’s Verdammung » zu übersenden, den ich in Folge Weisung des Herrn Baron von Perfall mir aus Wien bestellt hatte. Des Königs Majestät dürften vielleicht enttäuscht werden in Allerhöchst seinen Erwartungen — durch die unbestreitbare Werthlosigkeit des dichterischen Machwerks. Die Composition ist dagegen im höchsten Grade interessant, reich an sehr bedeutenden, ja erhabenen Episoden. Übrigens hat der Tonsetzer auf französischen Text componirt und dieser — eine Übersetzung aus dem Original (Goethe) — hat wegen der Declamation verstümmelt in’s Deutsche rückübersetzt werden müssen. Berlioz war trotz vielfacher Reisen in Deutschland niemals der deutschen Sprache mächtig geworden. Deßhalb vermochte er bei der Übersetzung in’s Deutsche keine Abänderung in den Noten zu Gunsten des Originaltextes zu treffen.

[1870]

[1871]

1872

To Louise von Welz in Munich, 22 September, from Wiesbaden (HvB V, pp. 30-2, at pp. 31-2):

[…] Ihrem Herrn Sohne wünsche ich Glück zu seinem Dirigentdebüt und zum Benedictus (qui abit in nomine Dei); Orchesterleitung, Taktirtechnik anlangend, empfehle ich ihm dringend, das « Der Orchesterdirigent » betitelte Kapitel in Berlioz’ Instrumentationslehre eifrig und gründlich zu studiren. Irre ich nicht, so habe ich’s ihm neulich aus meiner Bibliothek eingehändigt — irre ich dagegen, so möge er sich das Buch nur von Herrn Eugen Spitzweg verabfolgen lassen.
Lediglich bez. des 6/8 Takts taugt die französische Theorie nichts — da ist die Wagner’sche Manier weit praktischer, das erste, dritte, vierte und sechste Achtel durch die im C-Takte gebräuchlichen Zeichen anzudeuten: das zweite und fünfte Achtel gibt man mit den gleichen Bewegungen wie das erste und vierte (also wie das erste und wie das dritte Viertel des 4/4 Takts). […]

1873

To Louise von Welz, 26 April, from London (HvB V, pp. 76-8, at p. 77):

[…] Gute Musik unter 17o Réaumur (Berlioz’ Musik hat mindestens 40o R. Fragen Sie nur Beppe!) fängt an, mir « Wurst » zu werden. […]

To Louise von Welz, 20 June, from Baden-Baden (HvB V, pp. 85-6):

[…] Besten Dank für die Gedichte, welche auf dem ersten Solospaziergang lesen und ruminiren will. Jetzt noch intensivst mit Berlioz’ Memoiren beschäftigt, die seit drei Jahren vergeblich zu lesen beabsichtigt. Wahrer Tragödieneindruck! Macht mich ganz schwermüthig — muß aber durch und nicht oberflächlich durch. […] (citation in foonote of similar comments to Dannreuther the same day:)‘Welche Tragödie nicht blos im Ganzen, sondern auch im Einzelnen — Schopenhauer meint, im Detail sei das Leben des Individuums gewöhnlich eine Komödie. Lesen Sie doch ja dies dicke Buch — mit Ihrer Gemahlin — denn es ist schwer, die furchtbare Melancholie, die Einen dabei ergreifen muß, allein zu tragen. Doch wo denke ich hin! Sie sind so glücklich, festeren Stoffs als ich zu sein, weniger impressionabel.’ […]

To Louise von Welz, 24 June, from Baden-Baden (HvB V, pp. 83-5, at p. 85):

[…] Zürnen Sie nicht, wenn ich mich verführen lasse, den Berlioz, den ich Ihretwegen an einer interessanten Stelle (sind alle interessant) bei Seite gelegt, wieder in die Hand zu nehmen, nachdem ich Ihnen ein Lebewohl gesagt.

To B. Ullman, end of June, from Baden-Baden (HvB V, pp. 87-8, at p. 88):

[…] Ich brauche Berliozpartitur von Damnation de Faust, 60 fr. Könnten Sie gelegentlich die Leute bewegen, mir das Werk mit Postvorschußnahme hierherzusenden, direct? — —

[1874]

1875

To Hans von Bronsart, 27 March, from London (HvB V, pp. 260-1, at p. 261):

[…] Übrigens, die « Heilige » hat mich in meinem Leben schon so viel Zeit, Geld, gute Laune gekostet — daß Du mir verzeihen mußt, nicht mehr in Anbetung für sie glühen zu können. Berlioz wäre das Einzige, was ich hören möchte, allerdings nicht under solchen Lumpen wie Deine Kapellmeister sind. Der Kopf « brummt » mir — sei mir nicht böse. […]

[1876]

1877

To Hans von Bronsart, 13 May, from Ver [Canton de Vaud] (HvB V, pp. 399-402, at p. 400):

[…] Liszt die Sinfonie fantastique dirigirend — das ist eine wundervolle Idee, Dir so ureigen! Bravo! Nun denke Dir, was ich, geladen, aber nicht berufen, in der Ferne dabei empfinden muß, der ich dieses legendhafte Werk nur einmal, and zwar ohne Finale, von Seyfritz barbabionda in Kaninchenthal [Löwenberg] bedächtig herunterschwitzen gesehen! Heu me miserum! […]

To Hans von Bronsart, 9 December, from Glasgow (HvB V, pp. 476-9, at pp. 476, 478):

[…] Ach, wärst Du doch gestern Abend hier gewesen, hättest Dich mit mir berauscht! Carneval von Hector (von) Berlioz unglaublich — Cliquot wie nur am Petersburger Hofe — Strauß viel wienerischer als sie’s je in Wien haben können. Das Orchester is nun mein, ganz mein — der leiseste Schenkeldruck genügt für die riskirtesten Steeplechase-Scherze. Glaube nicht, ich renommire: die unvorbereitetsten raffinirtesten Rubati gelingen am Abend, daß ich selbst Mund und Augen aufsperre (die Ohren sind’s natürlich stets) — das macht mich ein wenig übermuthig. […] Hannover ist mir unersetzlich in der Welt, weil, weil… Du mir für 1878/79 den Cellini zugesagt hast. (Draufgeld 1877/78 Glinka.) Für dessen Aufführung gebe ich aber gern mein letztes Herzblut. […]

To Hans von Bronsart, 22 December, from Glasgow (HvB V, pp. 485-7, at p. 487 ):

[…] Es sei mir eine Erwähnung der Hauptpunkte gestattet, welche mir die Übernahme des Kapellmeisterpostens in Hannover wünschenswerth erscheinen ließen. Bewilligung:
1. einer Säuberung des bestehenden Opern-Repertoires von den Werken protegirter Dilettanten und sonstiger Mittelmäßigkeiten, den Fall einer besonderen Fürsprache finanzieller Erwägungen ausgenommen.
2. der Substituirung von Glinka’s « Leben für den Czar » als einer des Festtages des 22. März in jeder Hinsicht würdigen (relativen) Novität für die hierzu in Aussicht genommene, mir nicht blos aus musikalischen Gründen unpassend erscheinende « Aida » von Verdi.
3. der — keinen « Wagnerischen » Schwierigkeiten unterliegenden — Aufführung einer meiner Lieblingsopern, nämlich des « Cellini » von Berlioz im Laufe des kommenden Jahres.

To Jessie Laussot, 27 December, from Glasgow (HvB V, pp. 480-1, at p. 481):

[…] Wäre Borgia nicht möglich gewesen, so hätte ich um Berlioz’ Kopf gebeten. Der siegelte mit Beethoven’s Kopf — ich dürfte es mit seinem. Der Buchstabe B ist der meinige. Das mahnt mich an meine bisher untilgbare Schuld für’s Bellini-Album. — —

1878

To an unspecified correspondent, 10 August (HvB V, pp. 527-8, at p. 527):

[…] Erhole mich nun mittelst des mir noch unbekannten Te deum von Berlioz (schwierige Partitur-Lektüre!) — 1855 in Paris aufgeführt, nicht so grandios als Requiem, aber doch immerhin sehr « lohnend ». […]

To Hans von Bronsart, end of November, from Brighton (HvB V, pp. 535-6, at p. 535):

[…] Vorgestern Brief aus Altenburg von Toni [Anton Schott] erhalten, den ich Dir mittheilen muß. Ich besorge, er will den Cellini vertagt haben! Der Ein- und Vorwand mit Frau B. P.’s (Bißlipußli?) kleiner Stimme scheint allerdings was für sich haben. Allein die Dame ist ganz versessen auf die Parthie, eine Berliozanerin aus vollem Herzen; sie wurde einmal blaß als ich andeutete, Frl. Linde konnte die Teresa singen — mit weniger Anstregung. Bitte, bringe Toni zur Raison, falls meine Besorgniß begründet wäre; nur als Gegenleistung für Benvenuto bringe ich ihn nach London, worauf er unendliches Gewicht legt. Gottlob, wenn man eine Handhabe mit den Leuten gefunden hat. […]

To Jessie Laussot, 15 December, from Hanover (HvB V, pp. 541-3, at p. 542):

[…] Zwei Dinge machen mir zur Stunde vergnügt: eine neue Primadonna, rhythmischer, fleißiger, lenksamer als die frühere, und die ganz hübsch fleckenden Clavierproben von Cellini (jedenfalls Ende Jänner). […]

1879

To Eugen Spitzweg, 19 January, from Hanover (HvB V, p. 546):

Furchtbar beschäftigt mit allerlei local Staatstreichen: Reorganisation der Musikakademie und des Kammermusikvereins durch Hinausschmiß unbrauchbarer Comitékessel u.s.w. Zugleich naht Berlioz’ Cellini seiner feierlichen Ausgrabung: heute über 14 Tagen 2. Februar. Wenn der vorüber, habe ich wieder Zeit, an Sie zu denken.

To Eugen Spitzweg, 27 January, from Hanover (HvB V, p. 546):

— — In vollem Musik-Fieber — Cellini — so daß keine Möglichkeit, mit Feder zu hantieren — nämlich ohne Anstoß — wie neulich erlebt. Halten Sie mich für eine Bestie — ich protestire nicht. Es ist so, und ich bin stolz darauf; denn, wenn ich nicht stolz wäre, so bliebe es doch dasselbe, also bin ich gleich lieber stoltz darauf. — — […]

To Jessie Laussot, 3 February, from Hanover (HvB V, pp. 547-8):

Meine Verehrte Freundin!
Warum warst Du wieder nicht da?
Der Guß ist gelungen — meine Wiederherstellung hat sich gestern Abend gerechtfertigt.
1869 sah ich den Perseus zum ersten Male in der Loggia dei Lanzi; gestern — nach à peu près 10 Jahren — half ich ihn gießen.
« Eine große künstlerische, kunsthistorische That », sagte Abends Rubinstein, der von Berlin mit Anderen herübergekommen war, in seinem Toaste auf Bronsart (der jedenfalls es ebenso verdiente, wie ich) und mich!
Es war famos und der Erfolg trotz einigen Kampfes durschlagend siegreich. Mercurio chiamato molte volte! Gratulire mir — uns!
Am 15. spielt hier Saint-Saëns. Concert von nur französischen Componisten — im 2. Theile Berlioz’ Harold-symphonie — 1. März spielt Rubinstein. Ist Hannover nicht Musikmetropole geworden? — — […]

Note 1. Marie von Bülow quotes in a footnote (HvB V, p. 547) what Bülow said to her on 5th February: ‘Eine Sünde der Musikwelt an einem großen dahingeschiedenen, im Leben zermarterten Genius, einer Prometheusnatur wie wenige — eine mehr als vierzig Jahre alte Sünde der Mitwelt als Sprecher der Nachwelt gesühnt zu haben’.

Note 2. Marie von Bülow also quotes (HvB V, pp. 547-8) the sonnet of Bronsart in honour of Bülow spoken at the dinner:

Du hast, o Freund, zu Deinem Ruhmeskranze
Ein neues stoltzes Lorbeerblatt geschlungen;
Um hohen Kampfespreis hast Du gerungen,
Wir grüßen Dich als Held im Siegesglanze.

Für Hector Berlioz brachst Du eine Lanze,
Für den schon Liszt den Zauberstab geschwungen,
Und wie Cellini Perseus Guß gelungen,
Gelang auch Dir aus einem Guß das Ganze.

Ein Perseus selber schlägt Du im Triumphe,
Von dumpfen Bann erlösend alle Geister,
Der falschen Muse starres Haupt von Rumpfe.

Du wahrer Kunst Vorkämpfer, kühnster, freister,
Siegriechster Spieler — stets die Hand voll Trumpfe,
Uns allen ben venuto, Freund und Meister.

To Eugen Spitzweg, 5 February, from Hanover (HvB V, pp. 546-7):

— — Cellini überraschender Erfolg, so daß sogar Localpresse, die nicht gewogen, zuzugeben (beizugeben) gezwungen ist. Schott ganz famos — wird von Monat zu Monat vorzüglicher. Gott sei gelobt! Ich bin ziemlich müde von der Arbeit. — —

To Hugo Bock in Berlin, 18 September, from Hanover (HvB V, p. 588):

[…] Beatrice und Benedict — so sehr sie mir am Herzen liegen — müssen noch ein Jahr warten. Abgesehen [davon], daß es mir in der Saison beinahe unmöglich ist die Muße zu erübrigen, die von mir intendirten Recitative im Style des Autors hinzuzufügen, bedürfte es vorerst von kundiger Hand einer gründlichen Ausbesserung und ditto Kürzung des Dialog-Materials. — —

[1880]

[1881]

[1882]

[1883]

1884

To H. Eichel in Hanover, 12 January, from Nürnberg (HvB VI, p. 238). (Note: two musical examples of uncertain interpretation are embedded in the text; they are reproduced separately after the main text.)

Empfangen Sie meinen besten Dank für Ihr freundliches Gedenken meines Wieder-Geburtstages. Auch ich erinnerte mich Ihrer neulich, als ich meiner Kapelle die Cellini-Ouvertüre einstudirte, mit Vergnügen:
Sie wissen, es war eines Sonntagvormittags, Sie spielten mir das Solo des englischen Horns vor, Großmeister Liszt kam hinzu. Ja — sehen Sie — ich war doch nicht gar so [example 1 here] als ich dem Leine-Athen die Berlioz’sche Oper octroyirte, wie es die braven Ehrenmänner des Courier-Irrlichts behaupteten. Leipzig is nachgefolgt, Wien thut ein Gleiches, Weimar nimmt ebenfalls eine Resurrektion vor. Mag der Held auch noch so mannigfaltig [example 2 here] toniren, das Verkannte kommt doch zu Ehren, zwar spät — na, wenn man’s nur noch erlebt! Aber — halt da! Ich hörte im Herbste den Cellini in Leipzig mit höchst fatalen (um nicht zu sagen absurden) Strichen, z. B. in der Stretta des großen Finale Es dur. Als ich Kapellmeister Nikisch darüber mein Befremden äußerte, erwiderte er, die Stimmen seien von Hannover gekommen und die Kürzungen gälten auf’s Bestimmteste als von mir angeordnet!
Das geht mir über’s — Bohnenlied! Ich bin nicht gewohnt, mich mit fremden Roth- oder Blaustiften zu schmücken. Thun Sie mir den Gefallen, und lassen Sie im Fritzsche’schen Musikalischen Wochenblatt die mir nicht gebührende “Autor”schaft dementiren. Es liegt mir viel hieran. — —

[Footnote n. 1 p. 238: ‘Eichel’s Erklärung (Musikal. Wochenbl. Nr. 6, 31.1.1884 S. 79) besagte, daß, als im Frühjahr 1879 Hans von Bülow den Cellini aufführte, dies ohne jede Kürzung geschah. In Leipzig wurde die Oper außer um die ganze Arie Fieramosca’s im II. Akt, noch um etwa 300 Takte gekürzt.’]

      

To Max Schwarz in Frankfurt, 20 January, from Mainz (HvB VI, pp. 244-5, at p. 245):

[…] Soigniren Sie mir “Lear” [Berlioz] — fiele der durch, so würde zum Orlando furioso Ihr sonst mit mildesten Grüßen ganz ergebener [u.s.w.]

To the music critic Gustav Erlanger in Frankfurt, 13 February, from Meiningen (HvB VI, pp. 251-2):

[…] Seitdem Sie sich meiner Aufmerksamkeit so warm empfohlen haben, mein Herr, durch die “Rosen”, welche Sie ganz kürzlich auf das Grab des “Großen Adlers” streuten, mit dessen Bild dieses Blatt geschmückt ist [Berlioz], habe ich es mir angelegen sein lassen, Ihre Bekanntschaft so gründlich wie möglich zu machen. Das ist nicht ohne Mühe abgegangen, wie ich schone die Ehre hatte Ihnen zu bekennen, allein es ist mir gelungen, und ich hoffe, Ihnen dies gelegentlich beweisen zu können. […]

To Hugo Bock in Berlin, 23 May, from Meiningen (HvB VI, pp. 274-6, at pp. 275-6):

[…] Berlioz’s Ouvertüre zu Beatrice und Benedict, ist nach sehr befriedigenden Proben definitiv fest in das Repertoir der Concertprogramme meiner Hofkapelle aufgenommen worden: ebenso die Sicilienne daraus.
Ich würde dringend rathen:
1. zu correkten Stichausgaben der Partitur beider Stücke,
2. zu Arrangements — frei — für Klavier 2= und 4händig.
Das berühmte Frauenduett (Notturno) verführt das in derartigen Arrangements (Klavier, Harmonium, Violine und Cello) viel bewährte — Schotts und Härtels haben Massen von ihm gebracht — Mitglied unserer Hofkapelle, Herrn Alexander Ritter zu einer derartigen Bearbeitung. Wären Sie disponirt, darauf zu reflectiren, so würde Herr Ritter um zeitweilige leihweise Überlassung der Partitur ersuchen.

To Hermann Wolff in Berlin, 1 October/18 September from Meiningen (HvB VI, p. 296):

[…] Wie schon gesagt: ich stehe zur Verfügung für Direktion der Beethoven’schen und Brahms’schen Orchesterwerke; auch Berlioz und Raff ist mir genehm, da ich genügend in diese Meister eingelebt, wie eingeweiht bin. — — […]

To Albert Gutmann in Vienna, 2 October (HvB VI, pp. 298-300, at pp. 298-9):

Die herzogliche Hofkapelle hat, entsprechend den nur bescheidenen Mitteln S[eine]r H[oheit], eine quantitativ auch nur sehr bescheidene Stärke. […]
Unsere Programme stehen im richtigen Verhältnisse zu unseren Mitteln (Personal), und ich kann Ihnen daher nur die Wahl lassen zwischen Dem, was wir einstudirt haben und demgemäß so darbieten können, daß ich es als Dirigent künstlerisch verantworten kann.
Unsere Spezialität ist Beethoven und Brahms. Hierin haben wir nach des letztgenannten Meisters nachsichtigem Urtheile keinen Concurrenz zu scheuen. Da fürs “große” Publikum, auf welches Sie bei der Entreprise zu reflectiren gezwungen sind, diese Spezialität eventuell als monoton gelten möchte (was zu ermessen ich mich incompetent fühle) und daher der erforderlichen Anziehungskraft entbehren könnte, so habe ich mir bereits erlaubt Ihnen verschiedene andere Werke, von Berlioz (z. B. die für Wien wohl quasi-neuen Ouvertüren zu Corsar und König Lear), Raff (dramatische Ouvertüre Op. 127, IV. Sinfonie G moll, ungarische Suite Op. 194) — für deren Erfolg ich mich ebenso sehr als für ihren Werth verbürge — Rheinberger (Wallensteinsinfonie) zu nennen, mit denen wir “aufwarten” können. […]

To Albert Gutmann in Vienna, 3 October (HvB VI, pp. 300-1):

[…] Sie verlangen von uns Artikel, die wir nicht führen, da die sogenannte Zukunftsmusik (a. D.) in Meiningen nicht cultivirt wird, was ich als bekannt vorausgesetzt hatte. Sie lehnen Artikel ab, als für Wien ungeeignet, welche wir mit Vorliebe (und mit Erfolg) verbreiten, z. B. Berlioz und Raff. Da gibt es leider keinen gemeinsamen Boden. Dieser unerquicklichen Lage der Dinge entsprechend, mache ich den Vorschlag, einen solchen gemeinschaftlichen Boden darin zu suchen, bez. zu finden, daß sich die Concerte der Meininger Hofkapelle auf Beethoven-Brahms-Programme beschränken (“Spezialität”).
Zu meinem großen Bedauern habe ich mich nicht genügender Muße zu Correspondenzzwecken zu erfreuen — auch bin ich kein Freund des brieflichen Parliamentarismus. Doch muß ich mir noch eine Bemerkung gestatten: Wagner’sche Werke werden in großer Vollkommenheit mit einem glänzendem zahlreichen Orchester in Wien durch Wagnerdirigenten par excellence zu Gehör gebracht: die höchst seltenen Vorführungen von Berlioz’schen und Raff’schen Sache sind hingegen, wie ich weiß, in jeder Hinsicht nur höchst ungenügend ausgefallen, so daß es nicht zu verwundern ist, daß das Wiener Publikum noch keinen Geschmack daran gefunden hat. Doch, wie gesagt, ich bestehe durchaus nicht auf dem Versuche der Bereicherung oder “Belehrung” des Wiener Geschmacks.

Citation from the Vienna paper [Die] Presse of 4 December 1884 (HvB VI, p. 122): 

Ganz in seinem Element is Bülow im Romantischen und Humoristischen. Die Ouvertüren zu “Freischütz” (Weber), “Corsar” (Berlioz) und “Faust” (Wagner) kann man nicht lebendiger, ausdrucksvoller und natürlicher wünschen; sie sahen aus wie transparente, illuminirte Stereoskopbilder. […]

1885

To August Steyl in Frankfurt, mid-April, from Paris (HvB VI, p. 355):

[…] — Nb. Concert am Sonntag war ausverkauftest — Erfolg so, daß der des nächsten Sonntags unzweifelhaft. Orchester und Direktion [conducted by Colonne] urvortrefflich! Celliniouvertüre zu Anfang so schön, daß Meiningen noch nicht concurriren können. […]

To Marie von Bülow, 9 November, from Düsseldorf (HvB VI, p. 389):

— — Kölnische Zeitung bringt heute früh enthusiastisches Referat aus Essen. In dem kalten Elberfeld gelang mir’s zuletzt, die Leute doch ein bischen in’s Feuer zu jagen: Die Kapelle “flog” — die unzähligen benachbarten Musikdirektoren schienen “paff” von unserm Dynamik. Der Corsar ging wie aus der Pistole geschossen, auch Raff’s Sinfonie elektrisirte. […]

1886

To his daughter Daniela, 8 June, from Lausanne (HvBn no. 397, pp. 634-6, at p. 635):

[…] Sonntag vor 8 Tagen war ich in Carlsruhe, meine alte unverrunzelte Jugendliebe “Cellini” wieder an das hörende Herz zu drücken. Es war eine der erquickendsten Wohltaten, deren ich in den letzten Jahren teilhaftig geworden: ich kam aus dem Jauchzen nicht heraus: so korrekt-genial (bei mir kein Widerspruch mehr) hat dieser beglückende Felix [Mottl] den unglücklichen Hector — traktiert. Man muß die Überschwenglichkeit im 57ten Jahre zügeln. […]

To the Allgemeine Musikalische Zeitung, 17 December, from Meiningen (HvB VII, pp. 70-1, at p. 70):

[…] Daß ich die Ehre gehabt habe, die erste Aufführung des « Tristan » 1865 (später 1869 und 1872 neu einstudirt) wie die erste der « Meistersinger » 1868 in München zu dirigiren, constituirt für mich wohl ein « tempore », nicht aber ein « dignitate prius ». Wie mich Herrn Kapellmeister Mottl’s Aufführung von Berlioz’ « Cellini » in Karlsruhe belehrt hat, daß er diese Spezialität mindestens ebenso gut vertreten könne, als ich dies seiner Zeit in Hannover versucht, so durfte ich neuerdings bei Herrn Sucher’s Direction der « Walküre » u.s.w. mir gestehen, daß es mehr als überflüssig erscheinen dürfte, hierin mit ihm am geist- und schwungvoller Korrektheit zu wetteifern. […]

1887

To his daughter Daniela, 23 June, from Wiesbaden (HvBn no. 409, pp. 649-50, at p. 650):

[…] Was letzteres (Musikfest) anlangt, so ist mir Berlioz die Hauptsache; ich werde mir Mittwoch auch die Generalprobe anhören, richte Dich, wenn irgend möglich, ebenfalls hierauf ein — daß Du eines nicht allzu lückenhaften Genusses d. h. Verständnisses teilhaft wirst. Doch über diese arrangements sprechen wir übermorgen abend. Vor Allem sei bei guter Gesundheit! Ich werde Dir übrigens einen Klavierauszug vom Veroneserpaare aus Frankfurt senden lassen — nicht zum Spielen — das ist unmöglich, aber zum Vorher-Mit- und Nachlesen. Bei allem Exzentrischen, Anti-Deutschen des Ganzen (in einzelnen Teilen ist übrigens höchste Kunstvollendung) bleibt das Werk ein Meisterstück tondichterischen Geistes und individueller Monumentalität. Ich freue mich auf Dein Lauschen! […]

To Marie von Bülow, end of June, from Bonn (HvB VII, pp. 114-16):

[…] Hauptzweck für mich war, Berlioz’ Romeo zu hören, — zweimal — in der Generalprobe und im Abendkoncerte — dieser Zweck ist erreicht und in fruchtbarer Weise. Wüllner’s ebenso bewundernswerth tüchtige als “geistig” verfehlte Einstudirung — bei der meine Erinnerung an die Interpretation durch den Autor selbst — 33 Jahre sind darüber verflossen — wiederum lebendig wurde, hat mir die Mission diktirt, gelegentlich an der Alster oder Spree — vermutlich am letztgenannten Ufer, da der nette Siegfried Ochs mit mir darüber sympathisirt — dieses höchst merkwürdige Werk, worin das Schöne doch bei weitem das Absurde überwiegt, dem Ohr und Sinne landsgenössischer Halbkaffern näher zu bringen zu versuchen.
Es ist die ästhetische und vielleicht praktische Möglichkeit vorhanden, den Berlioz’schen Manen mit dem Romeo zu dienen. — […] Ich war die ganze Zeit infolge des gestrigen Berlioz wie im Traume, hörte fortwährend in allen Fibern nur Romeo; Musik ist doch das reine Opium. — — […] (The same letter continued a day later; he hears the sounds of a male chorus singing from the garden of the hotel) […] Die Leuten singen rein, auch gut rhythmisch, mit deutlicher Textaussprache von den beiden Vaterländern, dem allgemeinen deutschen und dem specifisch preußischen: schade, daß mir die rechte akustische Genußfähigkeit mangelt, denn in meinem Kopfe hämmert noch der fieberheiße Berlioz von vorgestern — ein tohu-bohu à la Tristan letzter Akt. Durch, durch! — — […]

To Hermann Wolff in Berlin, 14 September, from Hamburg (HvB VII, pp. 135-6, at p. 136):

[…] Nur accompagniren — auf dem Klavier — müßte ich entschieden ablehnen. Ausnahme würde ich nur bei Davidow machen. Aber wenn er Berlioz op. 8 nur gegen Gewährung eines “Reitzers” als Solo b) liefern mag, so verzichte ich gern auf genanntes Op. 8. Keinesfalls werde ich drgl. Rondes des Lutins oder Zigeunerweisen dirigiren.

1888

To Marie von Bülow, 5 May (HvB VII, p. 196):

— — Das letzte Bad hat mich so energisch zusammengerüttelt, daß der Arzt mir zweitägige Pause geboten hat. Tanto meglio — kann ich endlich einen seit 30 Jahren (35 sogar) krampfhaft gehegten Wunsch erfüllen: Berlioz’ Requiem hören, in Karlsruhe, wohin ich heute Mittag dampfen werde. Morgen früh bin ich wieder in der schwarzen Bärenhaut. — —

To Marie von Bülow, 7 May (HvB VII, pp. 196-7):

[…] Requiem in Karlsruhe war die Reise werth (bei herrlichem Wetter übrigens). Das Werk ist himmelschreiend, fieberhaft, großartig — trotz aller Unklassizitäten u.s.w. Wie würde dasselbe unter Hanuschens [= Bülow] Leitung wirken können! Die Aufführung war — qualitativ nämlich — theilwise recht erbärmlich. Rohe, unreine, schleppende Chöre, lässiges Orchester — häufig recht unsicher vergreifende Direction. — Ja, ja! Übrigens habe ich Mottl das nicht verhehlt, ihm keine seiner Sünden ungemerkert gelassen — und — und das war besänftigend: er hat bescheiden “dankbar” sich savonniren lassen. — —

To Hermann Wolff in Berlin, 21 June, from London (HvB VII, pp. 200-1, at p. 201):

[…] Mit Richter stehe ich — — wie Heckmann zum seligen Hiller. Personne n’a l’admiration aussi facile et aussi joyeuse que moi, aber — — er ist gegen früher — für mich — nicht wiederzuerkennen — erinnert mich an den alten Lachner, und das war doch sonst — als Musiker — ein anderer Kerl. Seine Aufführung der Damnation de Faust war für mich eine Tortur: kein Tempo richtig (ich habe vom Componisten das Werk schon 1852 in Weimar und 54 in Dresden mehrmals gehört) — auch verfehlte es völlig den Eindruck, den es früher unter Hallé, der es zuerst eingeführt, ausgeübt. Hallé war übrigens im Besitze der Tradition. — —

To Hans von Bronsart, 3 August, from Scheveningen (HvB VII, pp. 205-8, at p. 206):

[…] Also ich bin, wenn’s Einer so nennen will, ästhetisch reactionär geworden, womit allerdings meine glühende Sympathie für Berlioz in Widerspruch zu stehen — scheint. Doch wirst du mir vielleicht Eines zugeben, was hier mitspielt: das Nichtkomödiantenthum selbst in allen seinen — Hektor’s — Barbarismen. Obgleich ich nun Alles das entzückend Fieberhafte des — Franzosen — in Brahms, speziell in seinen Sinfonieen, ideal verdeutscht, künstlerisch regulirt, also eigentlich in’s Hellenische purifizirt, mir wiederzufinden — eingebildet habe, so ist mein Verkehr mit der alten Liebe mir unausgesetzttes Bedürfniß, einmal wegen des Reizes der Abwechslung, welcher jeder, besonders aber meiner Sterblichkeit zum Leben nöthig ist, andererseits wegen der häufigen Rückfälle in die “neudeutschen” Babelthürmeleien, zu deren Beschwichtigung er sich mir stets tauglich bewährt. […]

To Marie von Bülow, 9 December, from Berlin (HvB VII, pp. 231-2, at p. 232):

[…] Dienstag ist Hector’s Geburtstag.
Ich feiere ihn, indem ich das populäre Concert Abends dirigire. Das mußt Du dabei sein. Kosten Lumperei. NB. Kein Retourbillet.

To Hans von Bronsart, 18 December, from Hamburg (HvB VII, p. 234):

[…] Theilten wir uns vor einem Dezennium in die Vollziehung des Gerechtigkeitsaktes gegen Hector — so gingst Du mir später (vor einem Lustrum?) voran mit Gudrun — jetzt bin ich Dir nachgefolgt mit der tragica — für unsren alten Kameraden Felix. […]

1889

To Max Brode in Königsberg, 7 December (cited HvB VI, p. 83 n. 1):

[…] Nein — mit Ihrer kann meine Gewissenhaftigkeit nicht concurriren! Da hätte ich ja nie den römischen Carneval [Berlioz] machen können, wenn ich auf die au moins 15 premiers hätte warten wollen, 10 (12) genügen, 8 (10) zweite, 6 Violen, 6 Celli, 4 Bässe — enfin, was Sie sonst geben können. […]

To Marie von Bülow, 9 December (cited HvB VII, p. 286 n. 1):

[…] Zu ebenso großen Schmerz wie Befremden erkannte ich in [Berlioz’] Harold eine verblühte Zauberin-Hexe. Impossible! Darauf Brahms’ Zweite vorgenommen: wie anders wirkte dies Zeichen auf mich ein, auf uns Alle! Es lebe Hamburg! […]

1890

To Hans von Bronsart in Weimar, 6 February, from Hamburg (HvB VII, p. 286):

Berlioz hat zwar gesagt
les théâtres sont les mauvais lieux de la musique —
da es jedoch — ich weiß nicht ob gerade — schlechtere, jedenfalls ärgerlichere Musikstätten gibt, z. B. diejenigen, wo man sich über Musik zankt, statt sie schweigend anzuhören, so würde ich sicher con molto piacere eine allerdings möglichst strichlose Celliniaufführung unter Deiner Leitung, d. h. unter der Deines Untergebenen, am Donnerstag Abend anhören. Doch auch Beatrice und Benedict würde ich mit Kußhand entgegennehmen.
Du hast meinen gusto ganz richtig errathen, indem Du die Wahl der Oper eines « Höheren » (doch vermuthlich Dr. Otto Reißel aus Cöln?) zu meiner Bewillkommnung in dem gastlichen Ilmathen für — weniger — geeignet erachtest. Der Epigone Berlioz steht mir allerdings Chimborassos höher als die teutschen [sic] Progonen. Und Jugendlieben bleibt man treu, wenn die Objekte nicht zur Caricatur verschrumpfen. — —

To Hermann Wolff in Berlin, 20 October, from Hamburg (HvB VII, pp. 308-9, at p. 309):

[…] Dagegen war Captive [Berlioz] (daß das Gedicht von Victor Hugo, hätte im Programme wohl notifizirt werden dürfen) hochpoetisch, technisch musterhaft und wirkte demgemäß hoch über mein Erwarten.
Orchester war recht sterblich. — — Am sterblichsten war aber leider Schreiber dieser Zeilen. — — […]

1891

To Hermann Wolff in Berlin, 29 August, from Hamburg (HvB VII, pp. 342-3, at p. 343):

[…] Liszt’s Faust (?) oder Berlioz’ Fantastique (?), kurz: “Exzentrisches”. Übrigens schwant mir, daß Sie von diesen Ihren alljährlich immer wieder proponirten und nur deßhalb — zur Debattenverkürzung — von mir dießmal proprio motu auf die Liste gesetzten Ungeheuern (das sind sie schließlich) selber zurückkommen werden.
Immerhin wäre folgendes Programm denkbar: […] Berlioz: Harold (weniger anachronistisch als Fantastique). — —

1892

To Marie von Bülow, 14 March, from Berlin (HvB VII, p. 376):

[…] (In PS) Probe entsprach Wünschen. Doch ist Harold das reine 93 namentlich im Finale, das für Hamburg viel zu terroristisch — aber urfamos. Wirth — fou de plaisir!

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